Die dritte Reise anlässlich meines Gabriel-Projekts führt mich nicht in die Ferne. Wenn Maria Mechtildis, Schwester Oberin des Anbetungskloster St. Gabriel in Berlin, von Bernhard Lichtenberg erzählt, lächelt sie und lächelt damit auch das Gitter fort, das sie und mich trennt. Dennoch wird mir bei aller Freundlichkeit klar: Bis hierhin kommst du – und nicht weiter. Ich fühle mich trotzdem nicht abgewiesen, sondern wohl in ihrer zugewandten Gegenwart, freue mich über das Gespräch an diesem mir außer dem Namen in vielerlei Hinsicht fremden Ort.

Schwester Maria Mechtildis gehört zu den „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung“, umgangssprachlich auch wegen ihres Habits als „rosa Schwestern“ bezeichnet. Die „Anbetungsschwestern“ wurden als dritte und jüngste Kongregation der Steyler Ordensfamilie 1896 gegründet. Die immerwährende, auch nächtliche Anbetung vor dem Allerheiligsten ist das dringlichste Anliegen der Nonnen. Sie beten für alle, die darum bitten. Für mich ist das eine andere Welt. Vielleicht spürt Schwester Maria Mechtildis das. Falls das so sein sollte, lässt sie es sich nicht anmerken. Sie geht erst auf ihre Überzeugungen und ihr eigenes Leben ein, als ich sie gezielt danach frage. Sie missioniert nicht, will mich nicht für ihre Überzeugungen gewinnen. Sie ist ein Mensch, der durch seine Sanftheit wirkt. Das beeindruckt mich, obwohl ich noch immer nicht verstehe, wozu dieses Gitter zwischen uns gut sein soll.

Bernhard Lichtenberg, geboren 1875 in Ohlau in Niederschlesien, gestorben am 5. November 1943 in Hof, deutscher Priester, später Berliner Domprobst und zeitweise auch Politiker der Zentrumspartei, brachte die Anbetungsschwestern einst nach Berlin. Vielleicht war es Zufall, vielleicht aber auch Fügung. Womöglich ahnte er, der später selbst zu den Verfolgten des Naziregimes gehören sollte, was seinem Land und der Stadt Berlin bevorstand, in der er schon so viele Jahre wirkte; ahnte, dass die Welt, dass die Menschen in nicht allzu ferner Zukunft wieder beten lernen mussten oder jemanden brauchten, der es für sie tat, um den Schrecken irgendwie zu bewältigen. Anlässlich des eucharistischen Weltkongresses in den Vereinigten Staaten traf er die Generaloberin der Steyler Schwestern im Bus – und ergriff die Gelegenheit die Mission in der Diaspora, im vorwiegend protestantischen Berlin, zu stärken. Die Schwestern müssten ein Kloster in der deutschen Hauptstadt bauen, erklärte er. Das war 1926 in Chicago.

Zum Hintergrund des Ordens: Im niederländischen Steyl hatte Arnold Janssen, ein Missionar und späterer Heiliger der katholischen Kirche, am 8. September 1875 das Missionshaus St. Michael gegründet, aus dem die „Gesellschaft des Göttlichen Wortes“ – SVD (lateinisch Societas Verbi Divini) hervorging, auch Steyler Missionare genannt. Ihren Namen erhielten sie vom Gründungsort, heute ein Stadtteil von Venlo in den Niederlanden. Damit sind die Steyler eine vergleichsweise junge Gemeinschaft im Reigen der Orden päpstlichen Rechts in der römisch-katholischen Kirche. Inzwischen gehören rund zehntausend Missionare, Missionsschwestern und Anbetungsschwestern in rund siebzig Ländern der Welt zur Ordensfamilie.

Es sollte zehn Jahre dauern, bis das Kloster St. Gabriel in Berlin schließlich stand, Mutter Maria Michaele, die treibende Kraft hinter den Bauplänen, hat die Fertigstellung nicht mehr erlebt. Sie starb 1934, dem Jahr der Grundsteinlegung des Klosters. 1934 war ohnehin ein Schicksalsjahr für die Berliner Katholiken. Das Erzbistum bekam die drohenden Veränderungen im Wortsinn hautnah zu spüren. Auf der Internetseite des Erzbistums heißt es:
Zum letzten Mal während der NS-Zeit kamen am 24. Juni 1934 etwa 60.000 Katholiken in Hoppegarten zum traditionellen Bistums-Katholikentag zusammen. Das Schlußwort sprach der Vorsitzende der Katholischen Aktion Dr. Erich Klausener. Wenige Tage später, am 30. Juni, wurde Ministerialdirektor Dr. Klausener in seinem Dienstzimmer im Reichsverkehrsministerium von der Gestapo ermordet. Er war das erste Opfer der NS-Diktatur im Bistum Berlin.“
Dr. Nicolaus Bares (1871-1935) setzte sich in seiner kurzen Amtszeit als Bischof von Berlin vom Januar 1934 bis zu seinem Tod am 1. März 1935 gegen die zunehmenden Übergriffe des NS-Regimes zur Wehr. Im Auftrag der Fuldaer Bischofskonferenz bemühte er sich vergeblich um die Rettung katholischer Vereine, „vergeblich forderte er von Hitler Aufklärung über den Mord an Klausener, vergeblich protestierte er gegen erste Beschlagnahmen des Kirchenblattes, vergeblich richtete er Protest an Hitler gegen das im Dezember 1934 ergangene Verbot öffentlicher Veranstaltungen der Kirchen.

Beim Baubeginn von St. Gabriel und der angegliederten Kirche in der Bayernallee „wusste niemand, das hier ein Kloster entstehen sollte“, erzählt Schwester Maria Mechtildis. Das Berliner Haus der „Dienerinnen des Heiligen Geistes von der ewigen Anbetung“ wurde trotz aller Schwierigkeiten fertig. 1936 zogen 36 Schwestern ein – damals in ein Gebäude ohne jegliche Einrichtung und Möbel. Sie hatten nichts, waren dankbar für alle Spenden, die nach und nach kamen. Eigentlich sollte das Kloster den Namen des Heiligen Michael bekommen, doch am Ende entschied der damalige Beliner Bischhof, dass es St. Gabriel heißen sollte. Denn Einweihung war am 25. März 1936, dem Fest der Verkündung des Herrn.

Für die jetzige Mutter Oberin, Schwester Maria Mechtildis, einst eine junge Frau aus einem Dorf in Ostwestfahlen-Lippe, war früh klar dass sie in den Dienst der Kirche treten würde. Sie wollte aber auch lernen, den Realschulabschluss nachholen, fürs Lehramt studieren oder vielleicht Erzieherin werden, in die Mission gehen. Die Steyler boten ihr diese Möglichkeiten. Mit 22 Jahren schloss sie sich dem Orden an. Mit den Steylern kam sie nach Argentinien, hätte sogar die Möglichkeit gehabt, nach Nordamerika zu gehen. Doch mit den Jahren kristallisierte sich auch wegen der Krankheit ihrer Mutter bei ihr heraus, dass die Mission nicht ihre Berufung war, sondern die Anbetung. Seit mehr als zwölf Jahren ist sie nun die Mutter Oberin des Anbetungsklosters St. Gabriel mit derzeit 14 Schwestern. Drei von ihnen kommen aus Indonesien, eine von den Philippinen, die Organistin stammt aus Polen.

Die Mutter Oberin von St. Gabriel hat davor schon andere Klöster geleitet, zum Beispiel auch in Triburg. Derzeit ist sie zum zweiten Mal in Berlin. Sie war schon einmal gut zehn Jahre in der Stadt.

Bernhard Lichtenberg, der Mann, der die Schwestern nach Berlin brachte, wird in der römisch-katholischen Kirche als Märtyrer und Seliger verehrt. Er zählt zu den Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem. Papst Johannes Paul II. sprach ihn am 23. Juni 1996 bei seinem Deutschlandbesuch zusammen mit Karl Leisner in Berlin selig. Der Gedenktag Bernhard Lichtenbergs ist der 5. November.