Nomen ist schließlich Omen, wie der Lateiner sagt. Außerdem reise ich gerne. Da lässt sich doch das Angenehme mit dem Nützllichen verbinden, dachte ich mir und habe ich mein „Gabriel-Projekt“ gestartet: Ich plane an möglichst viele Orte dieser Welt zu reisen, die meinen Namen tragen. Oder den des Erzengels, wie es Ihnen lieber ist. Ich weiß, das ist ein ziemlich kühnes Unterfangen. Wenigstens bin ich spirituell gesehen in guter Gesellschaft. Reise zwei liegt inzwischen hinter mir. Sie führte in die Normandie und hat mir so manche Überraschung beschert. Aber so ist das nun mal wenn Frau sich auf Reisen begibt.

Saint-Garbriel-Brécy, erster Tag, 28. 09, 2019

Die Mühle von Saint Gabriel

Die Mühle von Saint Gabriel

Der Erzengel war ausgeflogen, als ich Saint Gabriel erreichte. Oder besser, die Besitzer des gleichnamigen Anwesens waren es, bei denen ich eigentlich übernachten wollte; sie waren in Urlaub gefahren. Ich konnte es ihnen nicht verdenken, ich hatte mich nämlich nicht angekündigt.

Die Mühle, die es einst dort gab, existiert nicht mehr, doch die Wirtschaftsgebäude und das Wohnhaus bilden ein Ensemble mit nostalgischem Charme: ein Fachwerkhaus, ein lauschiger Garten und wunderbare Sitzgelegenheiten für sommerliche Abende. Alles miteinander wird an Feriengäste vermietet. Hach, da wäre ich gerne geblieben.

Als ich – nach über sechs Stunden Fahrt vom romantischen Châlons-en-Champagne aus – also ziemlich müde – deshalb auf der Suche nach einer anderen Bleibe weiterfuhr, hatte der Erzengel doch noch ein Einsehen und schickte mir eine nette Dame über den Weg. Von ihr weiß ich auch das mit dem Urlaub, sie ist mit den Mühlenbesitzern befreundet. Besagte Dame wollte zwar gerade woanders hin, aber als sie meinen Jammer bemerkte, setzte sie sich wieder in ihr Auto, sagte mir, ich solle ihr nachfahren – und brachte mich nach Creully.

Dort bin ich beim Heiligen Martin gelandet, oder besser, bei zwei Heiligen. Denn bei den Betreibern des gleichnamigen Hotels handelt es sich offenbar um Zwillinge. Soweit ich das feststellen konnte, heißt keiner von beiden Martin. Das Hotel selbst ist ein altes Haus, gebaut aus eben jenen Natursteinen, aus denen hier in der Normandie von alters her die meisten Häuser bestehen. Ich sollte noch lernen, dass dieses Anwesen, wie vieles in der Region, eine Geschichte hat, die weit zurückreicht. Die alten Markthallen von Creully bilden das Erdgeschoss des Hotels. Sie gelten als die schönsten in der einstigen Basse-Normandie. So nannte sich die Gegend im Norden Frankreichs bis zum Zusammenschluss mit der Haute-Normandie zu einer Region. Sie bestand aus den Départements Calvados, Manche und Orne.

Speisesaal des Hotels St. Martin in Creully

Speisesaal des Hotels St. Martin in Creully

Doch zurück zum Hotel Saint Martin und den Hallen. Diese wurden im 17. Jahrhundert von Antoine III. de Sillans, Baron von Creully und seiner Frau Sylvie de Rohan errichtet. Sie dienten als Herberge und als Marktplatz, aber auch als Ort für den „Tag der louerie“. Dort konnten sich Hausangestellte oder Landarbeiter präsentieren und Arbeitgeber suchen, Bauern hatten die Möglichkeit, sich Gerätschaften für die Landwirtschaft auszuborgen. Um sich als Arbeitssuchende kenntlich zu machen, trugen die Frauen einen Blumenstrauß, die Männer eine Peitsche. Auch die Reichen der Gegend kamen auf diesen „Menschenmarkt“ um sich ihre Bediensteten zu suchen.

Nun, diese Zeiten sich lange vorbei. Geblieben ist die Funktion als Herberge. Ja, sie hätten ein freies Zimmer, hieß es dann auch freundlich von Zwilling eins, als ich nachfragte. Es war bezahlbar und hatte sogar die Nummer sieben, meine Glückszahl (außer der Fünf und der 13 und eigentlich auch allen anderen Zahlen). Ok, das Zimmer war nicht groß und nach hinten raus, aber das Bett dafür schon und wunderbar gemütlich. Für meinen kleinen Gelben gab es einen Unterstand im Hof. Und während der angekündigte Sturm draußen Fahrt aufnahm, habe ich herrlich geschlafen. Ich hatte zuvor im hoteleigenen Restaurant im Gemäuer der alten Hallen wohl gespeist. Es gab frischen Fisch, ein Bier und – einen Calvados. Schließlich war ich in der gleichnamigen Region gelandet.